Erste Rezension zu Burgenherrschaft erschienen

Eine sehr ausführliche Rezension über Rainer Atzbachs Burgenherrschaft ohne Mythos ist vor kurzem von Tanya Armbruester auf Amazon veröffentlicht worden:

Archäologie goes ePub – das hier zu besprechende Buch kommt als rein digitale Publikation und hinsichtlich des Kindle in einem noch relativ neuen Format auf den Markt. Der Autor, Rainer Atzbach, war als Mittelalterarchäologe lange in Deutschland tätig und erhielt Anfang 2011 eine Professur in Århus (DK). Seine Beschäftigung den Themen, die im Buch Burgenherrschaft ohne Mythos behandelt werden, geht u. a. auf seine Tätigkeit als Kurator der Ausstellung ‚Burg und Herrschaft‘ zurück, die im Jahr 2010 im Historischen Museum in Berlin gezeigt wurde.

Das eBook präsentiert unter dem Titel ‚Burg ohne Mythos‘ einen facettenreichen Überblick. Am Anfang steht ein Kapitel mit dem Titel: ‚Herrschaftsorte entstehen‘, das mit den Worten Ottos d. Gr. eröffnet wird, die das Heer im Jahr 955 in die Schlacht auf das Lechfeld begleiteten. Otto betonte den Vorteil der eigenen Panzerreiter gegenüber den zahlenmäßig überlegenen Magyaren, mit deren Hilfe die Schlacht am Ende gewonnen werden konnte. Einen weiteren Beitrag zum Sieg leisteten zudem mehrere befestigte Stützpunkte am Lech, an denen die Flucht der Ungarn scheiterte. Der Sieg Ottos gilt verbreitet als Geburtsstunde der deutschen Geschichte, die Panzerreiter waren die Vorläufer der Ritter. Damit wird der Leser direkt in die Frühzeit der mittelalterlichen Burgen und des Rittertums in unseren Breiten versetzt. Während den Rittern im Einzelnen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, steht allein die allgemeine Entwicklung der Burgen im Mittelpunkt.

Zunächst werden Bezüge zur Spätantike und zur Merowinger- und Karolingerzeit erläutert, die Grundlagen von Herrschaft, Gefolgschaft, Reichsaristokratie sowie Rittertum aufgezeigt. Prägnante Konflikte und ihre Wirkung auf Politik, Strategie, Befestigungsprivilegien, Bewaffnung und Verteidigung werden ebenfalls umrissen, wobei der straffe Umfang der Ausführungen gewährleistet, dass der Text angenehm lesbar bleibt. Das zweite Kapitel widmet sich der Burg als Festung, dabei folgt die Darstellungsweise dem vorangegangenen Kapitel: Die Sprache ist knapp, sachlich, dabei jedoch flüssig und unterhaltsam. Wohl dosiert finden historische Ereignisse und Schauplätze Eingang in den Text, die hier und da eingestreuten Fotos von Schauplätzen schaffen Anreize, sich selbständig weiter im Thema zu vertiefen oder einzelne Orte sogar auszusuchen.

Das dritte Kapitel geht auf die Burgtypen des 10./ 11. Jahrhunderts ein. Hier sind es u. a. Aspekte der Funktion salierzeitlicher Turmhügelburgen (Motten) im Flachland als befestigte Wehrbauten und gleichzeitiger Wohnsitz, auf die näher eingegangen wird. Im vierten Kapitel legt der Autor den Fokus auf das späte 11. bis 13. Jahrhundert und damit auf die Blütezeit des Burgwesens. Diese Phase stellt für Mitteleuropa eine Zeit des tiefgreifenden Wandels von Herrschaft und Gesellschaft dar. Die Burg ‚mutierte‘ zum entscheidenden Instrument der Herrschaft, gleichzeitig lockerte sich das königliche Befestigungsprivileg entscheidend, wodurch auch der niedere und neue Adel begann, Befestigungen zu errichten. Infolgedessen stieg die Zahl der Burgen explosionsartig an, dabei nahm die militärische Funktion ab und die Bedeutung als Zentrum der Güterverwaltung nahm zu. Dieser spannenden Entwicklung widmet Rainer Atzbach das längste Kapitel in seinem Überblickswerk.

Das fünfte Kapitel hat die regionalen Unterschiede der Befestigungsarchitektur zum Thema, dabei wird auf Wechselwirkungen zwischen Burganlage und Naturraum eingegangen. Mit dem sechsten und letzten Kapitel gerät schließlich das spätmittelalterliche Befestigungswesen bzw. die Spätnutzung von Burgen vor dem Hintergrund der Einführung von Feuerwaffen, Geschützen, gewandelter militärischer Strategien und der allgemeinen Krisenzeit des 14. und 15. Jahrhunderts in den Mittelpunkt der Ausführungen. Als Beispiele dienen Befestigungen aus Mittel-, Süd- und Westdeutschland, wodurch abermals ein Anreiz geschaffen wird, ihrer Geschichte im Detail selbständig weiter nachzugehen und den erhaltenen Bauwerken bei Gelegenheit einen Besuch abzustatten.

Die Darstellung trennt die Burgen von den vielfach mythologisierten Herrscher- bzw. Rittergestalten, und das tut der Vermittlung wichtiger Details fraglos sehr gut. Auch ohne diese Heldengestalten, die allzu oft von den Fakten ablenken, gelingt es, einen interessanten Überblick zu vermitteln, der keine nennenswerten Längen hat und nie erschlagend wird. Der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der größeren Zusammenhänge, ohne dabei zu spezifisch historisch, baukundlich oder archäologisch ausgerichtet zu sein. Die Darstellungsweise bleibt durchgehend informativ, dynamisch und fließend, die Sprache ist angenehm eingängig, und dennoch wird fast schon spielerisch-leicht ein fundiertes Grundlagenwissen vermittelt. Das ist die entscheidende Stärke des Buches, das sich uneingeschränkt für Leser jeden Alters und Typs eignet.

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